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Heimatort

Wie alt ist Schalbruch?

von H.G. Kleis

Könnten Sie diese Frage ohne weiteres beantworten ? Im Laufe der Jahre wurde diese Frage den Leuten, besonders den alten, oft gestellt. Sie erzählten vom Torfstechen und Besenbinden, von der Arbeit, den Weltkriegen, der Armut, von ihren Lehrern und Pastören, vom Schulbau, ihrer Jugend und vielem mehr.

Betrachtete man das Erzählte im Zusammenhang, umfaßte es das Wissen um die Geschehnisse der letzten 100 Jahre, der eigenen und der des Dorfes, vermischt mit der großen Politik. Was vorher war, ist unbekannt. In den Augen der Schalbrucher gibt es diesen, ihren Ort, immer schon.

Jahr 1788 und Initialen I+D+G

Was aber tun, wenn die mündliche Überlieferung versiegt. Vielleicht gibt der Ort selber Auskunft, seine Häuser zum Beispiel.

So gibt es ein Haus in Schalbruch mit einem im Mauerwerk eingelassenen Sandstein, auf dem zu lesen steht: 1788 und die Initialen I +D +G. Wenn auch die Buchstaben ihr Geheimnis bisher nicht preisgeben, die Jahreszahl weist zumindest für das Haus, wohl auch für den Ort bis hin zurück ins 18. Jahrhundert. Bieten das Wissen der Bewohner und das Nachforschen im Dorf keine Möglichkeiten mehr, dann müssen kluge Bücher zu Rate gezogen werden. Da Archive nur in Herrschaftshäusern und vielleicht noch auf westfälischen Grosshöfen üblich sind, geht man hier erst einmal zu den Pastören oder Ämtern. Letztere bestehen im Rheinland erst seit der Zeit Napoleons, also seit Beginn des 19. Jahrhunderts. Nachfragen schadet nichts, besonders weil man weiß, dass bei manchen Ämtern auch älteres Material zu finden ist. Man versucht sein Glück erst einmal im Pfarrarchiv. Es enthält nicht viel, aber immerhin die Kirchenbücher seit 1770, die vermerken, dass Schalbrucher um diese Zeit heiraten, Kinder kriegen und sterben. Ein paar Häuser, wenn nicht sogar ein Ort, müssen also existiert haben. Da die Kirchenbücher aber im Laufe der Jahrhunderte schon zweimal das Schicksal erlitten, abgeliefert werden zu müssen, unter Napoleon wie unter Hitler, begnügt man sich also nicht mit dem, was beim Pastor vorliegt. In der zentralen Sammelstelle für Kichen- und Standesamtsbücher in Brühl findet man dann auch ein Kirchenbuch, dass mit dem Jahre 1732 beginnt und schon auf den ersten Seiten Eintragungen über Schalbrog verzeichnet. Da gibt es Namen, die auch heute noch sehr geläufige Namen im Ort sind. Schalbruch bestand als schon 1732.
Um die Jahrhundertwende zogen zwei Herren, Tille und Krudewich, im Land umher und fragten und schrieben auf, was sich in kleineren Archiven, wie z.B. der der Pfarre Havert so alles befand. Sie haben zwar nur aufgeführt und leider nicht jede Urkunde nach Zustand und Inhalt beschrieben, aber trotzdem bleiben einige interessante Anmerkungen übrig. Demzufolge befand sich im Pfarrarchiv Havert um die Jahrhundertwende eine Rechnung des Vorstehers im Dorf Schalbruch aus dem Jahre 1649/1650. Es gibt also kurz nach Beendigung des 30jährigen Krieges einen Ortsvorsteher, Schalbruch war demnach nicht lediglich ein Anhängsel an einen größeren Ort, wie Stein zu Havert.

Um die Bewohner im alten Glauben zu festigen ...



Wenn man sich nun umschaut und ein wenig Glück hat, müssten eigentlich doch noch Hinweise auf Schalbruch im Zusammenhang mit der Geschichte bedeutender Orte, wie Sittard oder Millen, zu finden sein. Und so findet man in einer Festschrift des Waldfeuchter Pfarrers Wilhelm Lückerath aus dem Jahre 1910, die sich mit der Pfarre Saeffelen beschäftigt, folgenden Wortlaut: "Um 1550 begann sich die wiedertäuferische Bewegung in Susteren wieder bemerklich zu machen. Herzog Wilhelm von Jülich schickte deshalb den Aachener Dominikaner Matthias von Sittard in die gefährdeten Ortschaften, um die Bewohner im alten Glauben zu befestigen. Der berühmte Kanzelredner predigte auch in Saeffelen, sowie in Schalbruch, Isenbruch, Havert, Breberen, Waldfeucht und Dremmen." Ja, Sie haben schon richtig gehört: " ..... um die gefährdeten Ortschaften im alten Glauben zu festigen."
Manche unserer Vorfahren waren im 16. und wahrscheinlich noch im 17. Jahrhundert aufgeschlossen für neue religiöse Lehren. In einem Protokoll, dass 1532 von der katholischen Kirche auf Grund von Nachforschungen in den einzelnen Pfarren angefertigt wurde, findet man zwar nicht den Namen Schalbruch, aber den Namen von Havert, und erfährt, dass hier die Wiedertäufer eine Schule hatten, was wiederum darauf schließen läßt, dass in unserer Pfarre vielleicht eine größere Gruppe Wiedertäufer lebte. Wiedertäufer gibt es heute noch in Amerika. Sie heißen dort Baptisten.
Wenn also 1532 nicht zwischen Havert und Schalbruch unterschieden wird, kann dies daran liegen, das nur der Kirchenort genannt wird. Isenbruch wird auch nicht gesondert aufgeführt. Namensmäßig besteht Isenbruch schon seit 1273. Vielleicht aber gab es 1532 diesen Ort Schalbruch überhaupt noch nicht. Möglicherweise steht die Entstehung unseres Ortes mit der Geschichte der Wiedertäufer in einem engeren Zusammenhang als wir ahnen. Es ist möglich, dass seit Beginn der Verfolgung der Wiedertäufer diese sich hier nach Schalbruch zurückgezogen haben.

Flurname Schalbruch ?



Wohl könnte der Name Schalbruch für dieses Gebiet als Flurname schon seit altersher für die Bewohner der umliegenden Ortschaften selbstvertändlich gewesen sein. Sie schälten hier im Bruch die Rinde der Bäume und die Schale wurde zum Lohgerben verwendet.
Schon kurz nach dem Auftauchen der neuen Lehre haben der Herzog von Jülich und die Kirche nicht nur mit den genannten Mitteln der Überzeugung  durch die Predigt, sondern auch durch Folterungen und Hinrichtungen versucht, die alte katholische Ordnung wiederherzustellen.

Sie galten als Narren ...



Schauen wir uns dieses Schalbruch einmal mit den Augen eines Menschen an, der sich verstecken muß.

Da ist z.B. der Küster von Höngen, ein Wiedertäufer, der trotz Haft- und Verfolgung zu dieser Zeit 1532 bis zum Jahre 1557 immer wieder in unserem Raum auftaucht, obwohl er bei seinen Predigten bis Amsterdam kommt. Hier, im heutigen Selfkant, wohnte seine Familie. Warum sollte er sich nicht in seiner näheren Heimat versteckt haben, dort, wo er sicher war, dass man ihn als einer der ihrigen nicht so leicht preisgab, in einem Raum, in dem noch 1656 Wiedertäufer vorhanden waren, in dem man also unter sich war. Grundwasser und Schmelzwasser hätten eher die natürlichen Höhen zum Häuserbau anbieten sollen, aber das Bruch- und Moorgebiet war von jeher Zufluchtsstätte für Menschen, die sich verstecken mußten.

Die Menschen, die hier um 1550 lebten und noch hundert Jahre später an ihrem Glauben festhielten, galten als Narren, im Volksmund auch "Schooter" genannt für Narr, weil sie sich der Obrigkeit, wie z.B. der Kirche, widersetzten, weil sie ein unbequemes Leben in Angst einem bequemen vorzogen. Darum bürgte sich außerhalb Schalbruchs der vom mundartlich gebrauchten Namen Schaubrook für Schalbruch abgeleitete Name Schauterbrook ein. Er war gedacht als abwertende Bezeichnung, gibt immerhin im Grunde Zeugnis von der Standhaftigkeit der damaligen Bewohner, die sich auch durch Beschimpfungen nicht von ihrem anderen Leben abbringen ließen. Wer damals wieder katholisch wurde, tat es nicht selten unter Zwang oder aus Bequemlichkeit, nicht immer aus innerer Überzeugung.

Einigen wird die Vergangenheit ihres Dorfes nach dem eben Geschilderten nicht immer gefallen. Sie sollten aber stolz auf diese Menschen sein, deren Lebensinhalt nicht äußerer Wohlstand und irdisches Glück bedeutete, sondern die bereit waren, für ihren Glauben zu sterben. Heute verbreiten viele Unglauben, wollen aber beiliebe nicht ihr Leben lassen.

Der Ort mit den meisten Erzählungen ...



Sicher kennen Sie die Flurbezeichnung "Friedhöff" im Bruch. In einem der Kirchenbücher von Havert heißt es, dass es hier in der Gegend Familien calvanischer Religion gab und diese in der Nähe von Schalbruch einen Beerdigungsplatz hatten. Der aus Breberen stammende Heimatforscher Wilhelm Bodens, der sich besonders mit dem Erzählgut dieses Raumes beschäftigte, nennt Schalbruch den Ort, an dem die meisten Erzählungen blühen, in denen Geister und Hexen vorkommen. Gerade die Orte, in den Wiedertäufer über einen längeren Zeitraum lebten, worauf z.B. der Friedhof schließen läßt, hinterließen solche Phantasieprodukte. Vieleicht bedingt dadurch, dass man nicht genau Bescheid wußte über die Wiedertäufer. So wurden Hexen und Geister die Umschreibungsformeln für das ungenaue Wissen über die teilweise undurchsichtigen, seltsam erscheinenden Gepflogenheiten der Andersgläubigen.

Manchen von dem hier Geschilderten läßt sich in den Büchern nur als Vermutung finden, nicht alles ist beweisbar. Doch eines steht bestimmt fest: Das 16. und 17. Jahrhundert war für die damaligen Schalbrucher eine nicht minder bewegte Zeit als die unsere. Wer sich so oft leicht auf die gute alte Zeit beruft sollte sich immerhin genauer informieren und merkt dann schnell, dass sie gar nicht immer und in allem so gut war.

(C) 2009-2017 Hans Mohren, Schalbruch